München 72

"Nicht gradlinig, rechtwinklig, ernst" – der Olympiapark

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Bevor der Olympiapark entstand, war das Oberwiesenfeld eine ebene und kaum bebaute Fläche. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an wurde es zunächst militärisch genutzt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch als Flugplatz.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Baustelle aus der Vogelperspektive
Das Oberwiesenfeld am 14. Juli 1969, dem Tag der Grundsteinlegung. Die Baustelle war 2,8 Quadratkilometer groß.
In: Olympia in München, Offizielles Sonderheft der Olympiastadt München, hg. v. Hans Weitpert, München 1969, S. 20

Der Architekt Günter Behnisch und seine Partner verwandelten diese Ebene in eine modellierte Landschaft. Dabei integrierten sie bereits bestehende Komponenten. Etwa den Schuttberg, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Trümmern der Stadt aufgehäuft worden war. Oder den Nymphenburg-Biedersteiner Kanal, den sie zum See ausweiteten. Auch Bauten wie der Fernsehturm und die Eissporthalle, die noch vor Olympia geplant worden waren, wurden eingebunden.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe Männer
Die Wettbewerbsgewinner Behnisch & Partner mit Jürgen Joedicke (o.l.) hinter ihrem Modell: Günter Behnisch (o. Mitte), Winfried Büxel (im Uhrzeigersinn weiter), Erhard Tränkner, Fritz Auer und Carlo Weber.
Unbekannt, Fotografie, 13.10.1967, Horstmüller GmbH

Die zentralen Sportstätten entwarfen die Architekten nicht als massive oder gar monumentale Einzelbauten, sondern als Teil der olympischen Landschaft - als "Fortsetzung der Landschaft mit anderen Mitteln". Stadion, Sport- und Schwimmhalle betteten sie in Mulden ein und überspannten sie mit einem transparenten Dach. In Abgrenzung zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936 versinnbildlichte ihre Gestaltung konsequent demokratische Werte und machte sie in Form einer Landschaftsplastik erleb- und erfahrbar.

Abbildung des Olympiageländes Münchens
Modell des Olympiageländes im Maßstab 1:1000 aus der Sammlung des Münchner Stadtmuseums.
R. Augustin und G. Ott (Modellbau), um 1970, Holz, Kunststoff, Aluminium, Münchner Stadtmuseum, Foto: Gunther Adler

Der Olympiapark steht seit 1998 als Ensemble unter Denkmalschutz. Angestoßen von den Bewohner*innen des Olympischen Dorfs laufen derzeit Bemühungen zur Aufnahme des Olympiaparks in die UNESCO-Welterbeliste.

Der Bau der Olympiabauten zwischen 1970 und 1972,
UFA-Dabei 1970 / UFA-Dabei 1972

"Das Superdach"

Lange war unklar, ob das Dach, das Behnisch & Partner in ihrem Modell für den Ideen- und Bauwettbewerb Oberwiesenfeld mit Holzstäbchen und Nylonstrumpfmaterial veranschaulicht hatten, überhaupt realisierbar ist. Schon die Jury hätte den Entwurf der späteren Wettbewerbsgewinner deshalb beinahe vorzeitig aussortiert. Der Vorsitzende, Egon Eiermann, erkannte jedoch seine Qualitäten und rückte diese in den Fokus.

Schwarz-Weiß-Fotografie von einem Modell
Als alternative Lösung für die Überdachung wurden beispielsweise flache Schalen angedacht.
Christian Kandzia, Fotografie, 1968, saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Bestand: Günter Behnisch & Partner

Nachdem verschiedene alternative Dachformen geprüft worden waren, fiel schließlich die Entscheidung, ein punktgestütztes Hängedach zu errichten. An der Entwicklung der entsprechenden Konstruktion beteiligte sich neben dem Bauingenieur Jörg Schlaich insbesondere der Architekt Frei Otto. Dieser hatte mit dem Pavillon für die Weltausstellung 1967 in Montreal, der in Zusammenarbeit mit Rolf Gutbrod entstanden war, auch das Vorbild für die Zeltdach-Idee von Behnisch & Partner geliefert.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Stadions aus der Vogelperspektive
Blick auf das mit Acrylglasplatten eingedeckte Dach.
Max Prugger, Fotografie, 1971, Bayerische Staatsbibliothek München/Fotoarchiv Prugger

Für das Olympia-Dach wurde ein vorgespanntes Stahlseilnetz gefertigt, das an 51 bis zu 80 Meter hohen Pylonen und Stützen aufgehängt ist. Um die Farbfernsehaufnahmen nicht durch Schattenwurf zu beeinträchtigen, musste das Dach lichtdurchlässig sein. Frühere Überlegungen, es mit Holz oder Leichtbeton einzudecken, erübrigten sich damit vollends. Stattdessen wurden auf das Stahlseilnetz drei mal drei Meter große Acrylglasplatten montiert.

Fotografie von Bauarbeitern die ein Dachkonstrukt untersuchen
Die Schrauben des Stahlseilnetzes werden mit roter Korrosionsschutzfarbe versehen.
Herbert Michalke, Fotografie, 1971, Aldiami/Herbert Michalke/Timeline Images
Countdown für das Olympia-Dach,
UFA-Dabei 1970

Von ursprünglich geschätzten 18 Millionen D-Mark erhöhten sich die Baukosten auf schließlich 170 Millionen D-Mark. Dazu äußerte der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel rückblickend: "eine Gesellschaft [muss] […] auch einmal die Kraft aufbringen, einen großen Geldbetrag für ein im engeren Sinne zweckfreies Vorhaben, für ein architektonisches Kunstwerk aufzuwenden. Es muss Freiräume geben, die von den ökonomischen Prinzipien und den landläufigen Nützlichkeitserwägungen ausgenommen sind. Viele Bauten der Vergangenheit, die für uns zu unverzichtbaren Bestandteilen der menschlichen Kultur geworden sind, wären ohne solche Durchbrechung des ökonomischen Prinzips und auch fiskalischer Gesichtspunkte nie und nimmer entstanden und die Menschheit wäre an schierer Nützlichkeit erstickt."

 

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Bernd Krönert, Bauingenieur und Architekt, war Teamleiter bei der Olympia-Baugesellschaft und für den Bau der Olympiahalle, der Schwimmhalle sowie der Boxhalle zuständig. Während der Spiele war er technischer Leiter der Olympiahalle.

"Demokratisches Grün": der "Gebrauchspark"

Mit der Ausarbeitung der "olympischen Landschaft" und der Grünplanung wurde der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek beauftragt. Mit ihm hatte Günter Behnisch schon früher zusammengearbeitet.

Gemeinsam wurde der Schuttberg geformt. Es entstanden die Voralpenlandschaft zitierende Mulden, Hügel und Täler. Die für Großveranstaltungen eigentlich erforderlichen Wegbreiten, die schnell wie Aufmarschstraßen wirken können, lösten die Gestalter zugunsten eines Netzes unterschiedlich breiter, häufig geschwungener Wege mit wechselndem Bodenbelag auf. Ausweichmöglichkeiten boten zudem die Rasenflächen, deren Betreten explizit erlaubt war.

Schwarz-Weiß-Fotografie von einem Berg aus der Vogelperspektive
Blick auf das Wegenetz im Olympiapark bis zum Olympiaberg.
Karsten de Riese, Fotografie, 1971, Bayerische Staatsbibliothek München/Fotoarchiv De Riese

Um die Abgrenzung von Innen- und Außenraum zu minimieren, wurden die neuen Sportstätten teilweise mit gläsernen Fassaden versehen. Ebenso wurde der Park nicht von der Stadt abgeschottet, sondern auf vielfältige Weise, etwa durch Sichtverbindungen, mit ihr verwoben.

Fotografie von einem See und einem Stadion, in der Mitte befinden sich viele Menschen sitzend auf einem Berg
Landschaftsgestaltung und Architektur als Gesamtkunstwerk. Die Idee, den Nymphenburg-Biedersteiner Kanal zum See aufzustauen, stammte von Cord Wehrse aus dem Team von Günter Behnisch. Der See ist maximal 1,30 m tief.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Deutsches Sport & Olympia Museum

Besondere Bereiche markierte Grzimek durch "Leitbäume". Für die Parkzugänge etwa wählte er die Linde - den typischen Münchner Alleebaum. Den Berg bepflanzte er mit Bergkiefern, die niedrig wachsen und den Berg dadurch größer erscheinen lassen. Als Leitbaum für den See wählte er die Silberweide.

Fotografie eines Aussichtsturms und eines Lastkraftwagens der einen Baum einpflanzt
Auf das Oberwiesenfeld wurden nicht nur junge Bäume gepflanzt: Zahlreiche, bis zu 60 Jahre alte und 16 m hohe Bäume wurden aus Münchner Parks und Alleen oder aus Baumschulen dorthin versetzt.
Unbekannt, Fotografie, um 1970, Archiv Günther Grzimek, Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlicher Raum, Technische Universität München, Olympiapark_Bäume_für_LHM, 04_Grzimek-Archiv_Dia_069

Grzimek schuf eine abwechslungsreich gestaltete und vielseitig nutzbare Landschaft: Eine "Landschaft, die naturhaft und zugleich strapazierfähig ist, wie es ein guter Gebrauchsgegenstand sein soll".