München 72

"Quartiere für die Jugend der Welt"

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Im Sommer 1972 sollte sich die Jugend der Welt in München treffen. Dazu waren preiswerte Unterbringungsmöglichkeiten nötig

Hier im Kapuzinerhölzl befand sich ein Standort des Offiziellen Olympischen Jugendlagers. Es beherbergte rund 1.500 junge Menschen aus über 30 Nationen, die von den Nationalen Olympischen Komitees ausgewählt und entsandt worden waren. Neben Unterkunft und Verpflegung wurde Ihnen ein umfangreiches Programm an touristischen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten angeboten.

Fotografie einer Jungendgruppe vor einem orangen Haus.
Besucher*innen der Jugend-Delegation aus Liechtenstein vor ihrem Quartier im Offiziellen Olympischen Jugendlager im Kapuzinerhölzl.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Deutsches Sport & Olympia Museum

Daneben gab es über München verteilt zahlreiche weitere Zeltlager mit weniger offiziellem Charakter und Programm. Die Stadt und das Olympische Planungskomitee wollten sich einerseits weltoffen und jung präsentieren. Andererseits fürchteten sie aber das Bild von obdachlosen Jugendlichen – abschätzig als "Gammler" bezeichnet – die auf den Grünflächen des Olympiaparks und an anderen öffentlichen Orten nächtigten.

Um dem Bedarf an günstigen Übernachtungsmöglichkeiten für Jugendliche auch nach den Olympischen Spielen gerecht zu werden, wird das Gelände im Kapuzinerhölzl seitdem jeden Sommer als temporäre Zeltstätte zur Verfügung gestellt. Es gilt bis heute – inzwischen unter dem Namen "The Tent" – als eine der zentralen Anlaufstellen für Backpacker aus aller Welt.

Fotografie eines Baumstammes mit bunten Pfeilen, die in verschiedenen Richtungen zeigen
Begrüßungsschilder am Eingang zum Jugendlager auf der Panzerwiese im Münchner Norden. Die Besucher*innen des Zeltlagers wurden in vielen Sprachen begrüßt. Eine große Info-Tafel am Eingang des Camps diente der Kommunikation und dem Informationsaustausch unter den Gästen und Veranstalter*innen.
Lanninger, Fotografie, 1972, Lanninger/Timeline Images
Fotografie einer Gruppe die nachts vor einer großen Flamme sitzen.
Gäste am Lagerfeuer im Backpacker-Übernachtungscamp "The Tent" im Kapuzinerhölzl.
Stephan Rumpf, Fotografie, 2018, Stephan Rumpf/Süddeutsche Zeitung Photo

Das Offizielle Olympische Jugendlager

Mit der Organisation eines offiziellen Jugendlagers wollte das Organisationskomitee einen Beitrag zum "Verständnis der Jugend der Welt untereinander" leisten. Das städtische Grundstück im Kapuzinerhölzl war auch aufgrund seiner Nähe zu den Olympischen Spielstätten im Sinne der "Spiele der kurzen Wege" ausgewählt worden.

Rund 1.500 junge Besucher*innen unter 20 Jahren waren dort in temporären Fertighäusern untergebracht. Weitere 500 Studierende aus 34 Nationen wohnten im Studentenlager an der Allacher Straße in Neubauten. Ein dritter Standort befand sich an der Außenstelle in Kiel.

otografie verschiedener Häuser in den Farben Gelb und Orange
Temporäre Fertighäuser im Offiziellen Olympischen Jugendlager im Kapuzinerhölzl. Da das Budget für das Offizielle Olympische Jugendlager im Laufe der Vorbereitungen stark gekürzt wurde, musste bei der Beschaffung der Unterkünfte gespart werden. Teilnehmer*innen beklagten in den ersten regnerischen Wochen ihres Aufenthalts die schlechte Qualität der Unterkünfte, in die es hineinregnete.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Deutsches Sport & Olympia Museum

Bei den vorab ausgewählten Teilnehmer*innen handelte es sich meist um junge Sportler*innen. Ihnen wurde neben dem regelmäßigen Besuch von olympischen Wettkämpfen ein umfangreiches Programm an Aktivitäten angeboten.

Die Jugendlichen waren in den Häusern nach Nationen unterteilt untergebracht. Vor allem die deutschen Teilnehmenden sahen hierin und in dem unkritischen und wenig politisch ausgerichteten Programm einen Widerspruch zur Idee der angestrebten "Völkerverständigung".

 

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Prof. Dr. Diethelm Blecking ist Sportwissenschaftler, Historiker, Autor und Journalist. 1972 war er Teil der Deutschen Delegation des Offiziellen Olympischen Studentenlagers an der Allacher Straße. Er war Mitherausgeber der Lagerzeitung "Olympix".

Einige Studenten der Deutschen Delegation brachten die zweisprachige Lagerzeitung "Olympix" heraus, die sich kritisch mit der Durchführung des Olympischen Jugendlagers auseinandersetzte. Sie prangerten unter anderem die folkloristischen und Stereotypen bedienenden Vorführungen und Programmpunkte an. Diese standen im Gegensatz zu der erhofften kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit.

Schwarz-Weiß-Fotografie, eines Wohnblocks auf einer großen Wiese
Temporäres Fertighaus "Riba" im Offiziellen Olympischen Jugendlager im Kapuzinerhölzl.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-ERG-P-0246)
Schwarz-Weiß-Fotografie eines Wohnblocks.
Blick über das Offizielle Olympische Jugendlager im Kapuzinerhölzl kurz vor der Eröffnung.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-ERG-P-0244)

Spiele ohne Jugend?

Die Planung der Olympischen Spiele fiel mitten in die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 1960er-Jahre. Das Sportereignis sollte eine Veranstaltung für die "Jugend der Welt" werden. Doch im Laufe der Vorbereitungen waren die Organisatoren verstärkt dem Problem ausgesetzt, dass sich besagte Jugend immer weniger mit den Idealen der Olympischen Spiele identifizieren konnte. Es formierten sich sogar Proteste.

Im Zentrum standen dabei eine grundsätzliche Kritik am Leistungssport und der Vorwurf der Spaltung der Nationen durch die sportlichen Wettkämpfe. Dies wurde als eklatanter Bruch des Versprechens einer "Völkerverständigung" verstanden.

Zumindest im Programm abseits der Sportveranstaltungen bemühte sich daher das Planungskomitee den Forderungen der Jugend nach mehr Teilhabe und Demokratisierung nachzukommen. An vielen Stellen scheiterten die ambitionierten Pläne jedoch an den Gräben zwischen den Generationen sowie dem fehlenden Vertrauen und Wagemut des Planungskomitees.

Dem offiziellen Jugendlager wurde durch die strenge Auswahl der Teilnehmer*innen bereits vorab jeglicher kritische und politische Geist entzogen. Dieses Lager bildete allerdings nur einen kleinen Teil der zahlreichen Begegnungen unter jungen Besucher*innen ab. Letztlich war München – trotz aller Kritik im Vorfeld – im Sommer 1972 doch Treffpunkt der internationalen Jugend.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe von Frau die auf dem Boden sitzen. Im Hintergrund stehen Polizisten.
Jugendliche am Monopteros im Englischen Garten werden von Polizisten kontrolliert. Die älteren Generationen und Sicherheitsorgane der Stadt beäugten die Zusammenkünfte Jugendlicher auf öffentlichen in den 1960er-Jahren meist kritisch und bezeichneten die jungen Menschen abwertend als "Gammler". Oftmals fanden Razzien statt und die Zusammenkünfte wurden aufgelöst. Bis zu den Olympischen Spielen 1972 hatten sich die neuen Lebens- und Gesellschaftsformen ein Stück weit etabliert. Dies äußerte sich beispielweise darin, dass das Betreten den Rasenflächen im Olympiapark ausdrücklich erwünscht war.
Heinz Gebhardt, Fotografie, 1969, IMAGO/Heinz Gebhardt
  • Auf die erfolgreiche Bewerbung Münchens als Olympiastadt folgten bald Planungen, wie man die erwarteten 50.000 Jugendlichen unterbringen könnte. Denn günstige Nachtlager waren schon in den 1960er-Jahren in München Mangelware.

    Beteiligt an Organisation und Umsetzung der Unterbringung waren zahlreiche Jugendorganisationen wie die Pfadfinder und Kirchenverbände, das THW, der Bundesgrenzschutz, das BRK und die Bundeswehr. Die Jugendlichen wurden in Schulen und Gemeinderäumen in und um München sowie in zahlreichen Zeltlagern untergebracht. Eines der größten Zeltlager befand sich auf der "Panzerwiese" unweit der Olympischen Spielstätten.

    Das Stadtjugendamt betreute ein von der Presse als "Gammler-Zeltlager" bezeichnetes Camp. Dieses war im Zuge der Vorbereitung eines großen Beat-Festivals mit internationalen Bands im Rahmen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele errichtet worden. Von Polizei und Kreisverwaltungsreferat wurde die Sorge laut, das Festival könnte 40.000 weitere Jugendliche "ohne geordnete Unterkunft" anziehen, die am Olympiaberg, an Bahnhöfen und in Grünanlagen nächtigen würden.

    Obwohl das Konzert schließlich aus Sicherheitsbedenken abgesagt wurde, errichtete man ein großes Zeltlager am Ludwigsfeld. Trotz der kurzfristigen Planungen und Sicherheitsbedenken zog man abschließend eine positive Bilanz und ebnete den Weg für eine erneute Durchführung in den kommenden Jahren.

    Schwarz-Weiß-Fotografie, einer großen Wiese mit Zelten, aus der Vogelperspektive.
    Luftaufnahme des Jugendlagers der "Gesellschaft für internationalen Jugendaustausch" auf der Panzerwiese. Die Zelte waren in Form der olympischen Ringe aufgestellt.
    Unbekannt, Fotografie, 1972, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-ERG-P-0243)
    Fotografie eines Parkplatzes. Im Hintergrund befinden sich Flaggen und Zelte.
    Eingang zum Jugendlager auf der Panzerwiese.
    Lanninger, Fotografie, 1972, Lanninger/Timeline Images
    Schwarz-Weiß-Fotografie von einem Kiesweg mit verschiedenen Zelten
    Jugendlager der "Gesellschaft für internationalen Jugendaustausch" auf der Panzerwiese. Unbekannt, Fotografie, 1972, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-ERG-P-0247)
  • Bei den Planungen zum Offiziellen Olympischen Jugendlager im Kapuzinerhölzl war von Beginn an erwogen worden, das Gelände auch in den Folgejahren zu nutzen. Jungen Reisenden sollte hier im Sommer eine günstige Übernachtungsmöglichkeit geboten werden. Hinzu kamen die positiven Erfahrungen, die man in dem kurzfristig aufgestellten Zeltlager am Ludwigsfeld gemacht hatte. Nach drei weiteren Sommerlagern auf dem Ludwigsfeld wurde 1976 die Trägerschaft an den Kreisjugendring übertragen und der Standort zum jetzigen Kapuzinerhölzl verlegt.

    "The Tent" – den Namen trägt das Zeltlager seit den 1980er-Jahren – bietet seitdem jeden Sommer Backpackern aus aller Welt eine günstige und urban gelegene Übernachtungsmöglichkeit. Die Besucher*innen schätzen vor allem die subversive Atmosphäre, die sich der Ort seit den 1970er-Jahren bewahren konnte. Deutlich hebt er sich damit von den inzwischen zahlreichen Hostels im Innenstadtbereich ab.

    Die Provisorien der ersten Jahrzehnte sind mittlerweile einer fixen Infrastruktur mit Rezeption, Sanitärbauten und einer Cafeteria gewichen. Bereits zum zweiten Mal wurde das Zeltlager 2014 von der Stadt als kurzfristige Unterkunft für Asylsuchende umgenutzt. 2020 und 2021 waren die Betreiber*innen erstmals seit 1972 durch die Corona-Pandemie gezwungen, das Sommerlager geschlossen zu halten.

    Schwarz-Weiß-Fotografie eines Zelts, darin liegen Schlafmatten und Rucksäcke.
    Innenansicht eines Zelts mit Schlafplätzen im "International Youth Camp The Tent".
    Erika Kiechle-Klemt, Fotografie, 1985, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-STB-8164)
    Schwarz-Weiß-Fotografie von drei Jugendliche die Tischtennis spielen.
    Gäste des gemeinnützigen Übernachtungscamps "The Tent" im Kapuzinerhölzl beim Tischtennisspielen.
    Erika Kiechle-Klemt, Fotografie, 1985, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-STB-8165)
    Fotografie eines Zelts von innen mit vielen Stockbetten
    Schlafplätze im Gemeinschaftszelt des Backpacker-Übernachtungscamps "The Tent' im Kapuzinerhölzl. Die Besucher*innen können zwischen dem Bodenplatz oder Stockbett im Großraumzelt wählen, aber auch ein eigenes oder geliehenes Zelt auf der Wiese aufschlagen.
    Stephan Rumpf, Fotografie, 2018, Stephan Rumpf/Süddeutsche Zeitung Photo