München 72

"Weltkulturen und moderne Kunst"

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International und weltoffen sollte das Kulturprogramm sein, das die Olympischen Spiele 1972 in München begleitete. Zu seiner Planung richtete das Organisationskomitee (OK) einen Kunstausschuss ein. Ihm gehörten neben Vertretern städtischer sowie staatlicher Behörden und Institutionen auch Journalisten und Künstler an, darunter etwa die Schriftsteller Günter Grass und Erich Kästner.

Eines der größten Projekte des spartenübergreifenden Programms war die Ausstellung "Weltkulturen und moderne Kunst", die von Mitte Juni bis Ende September 1972 im Haus der Kunst zu sehen war. Rund fünf Millionen D-Mark wurden dafür aus dem insgesamt etwa 14 Millionen D-Mark hohen Veranstaltungsetat bereitgestellt. Siegfried Wichmann, der die Schau konzipierte, trug mit seinen Mitarbeiter*innen über 2.400 Exponate aus rund 300 internationalen Museen, Galerien und Privatsammlungen zusammen.

Plakat mit dem Gemälde einer Frau in japanischer Bekleidung, umringt von Fächern.
Ausstellungsplakat mit dem Motiv "La Japonaise" von Claude Monet. Das Gemälde war eine Leihgabe des Museum of Fine Arts in Boston. Es ist über 230 cm hoch und zeigt Monets Ehefrau Camille im Kimono, umgeben von japanischen Blattfächern. In ihrer Hand hält sie einen Faltfächer in den Farben der Tricolore. Monet stellte die Arbeit erstmals 1876 unter dem Titel "Japonnerie" aus.
Unbekannt, Plakat, 1972, Münchner Stadtmuseum/IOC

Der Untertitel der Ausstellung lautete: "Die Begegnung der europäischen Kunst und Musik im 19. und 20. Jahrhundert mit Asien, Afrika, Ozeanien, Afro- und Indo-Amerika". Das Projekt sollte "den völkerverbindenden Auftrag der Olympischen Spiele sichtbar machen" und "zum Verständnis der Völker beitragen".

Die Ausstellung wurde überwiegend begeistert aufgenommen. Aus heutiger Sicht fällt es nicht leicht, sie unvoreingenommen zu betrachten. Die "Begegnung" beschränkte sich einseitig auf die "außereuropäischen Einflüsse auf die europäische Kunst". Auch das Thema Kolonialismus und damit die Bedingungen, unter denen viele dieser "Begegnungen" stattgefunden hatten, wurde ausgespart.

 

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Die Kunsthistorikerin Dr. Mariela Siepmann-Böhmer hat an der Vorbereitung der Ausstellung "Weltkulturen und moderne Kunst" im Haus der Kunst mitgewirkt.
Fotografie einer Ausstellung und einem Gemälde
Innenansicht der Ausstellung "Weltkulturen und Moderne Kunst". Das Gemälde "La Japonaise" wurde im Bereich "Ostasien und Südostasien" unter dem Aspekt "Motivischer Japonismus" gezeigt. Die Augsburger Allgemeine Zeitung erklärte dazu: "Hier interessiert nicht so sehr der Kimono als aufkommendes modisches Attribut, sondern die Haltung Madame Monets als Entsprechung zu den Frauengestalten im japanischen Holzschnitt".
Claus Hansmann (Foto), in: Dokumentation zur Ausstellung Weltkulturen und moderne Kunst, hg. v. Siegfried Wichmann, München 1972, o. S.
Fotografie von einem orientalischen Brunnen in einer Ausstellung.
Innenansicht des Ausstellungsbereichs "Orient", für den ein "türkischer Brunnen" nachgebaut wurde.
Claus Hansmann (Foto), in: Dokumentation zur Ausstellung Weltkulturen und moderne Kunst, hg. v. Siegfried Wichmann, München 1972, o. S.

Der Ausstellungsort

Für das umfangreiche Projekt wurden etwa 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche benötigt. Da die Neue Pinakothek nach der Kriegsbeschädigung 1944 noch nicht wieder neu erbaut worden war, entschied sich das OK für das Haus der Kunst als Ort der Präsentation.

Die Organisatoren verständigten sich darauf, dass gerade hier mit der Ausstellung "Weltkulturen" ein gewandeltes Denken zum Ausdruck gebracht werden könnte. Ausgehend von der Fehlannahme, dass in dem NS-Bau nicht nur regimekonforme Kunst sondern 1936 auch die Femeschau "Entartete Kunst" gezeigt worden sei – tatsächlich war diese 1937 in einem Galeriegebäude im Hofgarten zu sehen – argumentierte man wie folgt:  

"[…] die Konfrontation 'primitiver' Skulpturen mit Werken der Expressionisten [mag] gerade im 'Haus der Kunst' böse Erinnerungen wecken. 1936 sollten solche Vergleiche ein Beleg der Entartung sein. […] Aber ließe ein gewandeltes Denken sich klarer manifestieren, als wenn am gleichen Ort, nun mit umgekehrtem Maßstab, nicht zur Diffamierung, sondern zur Bewunderung das gleiche gegenübergestellt wird".

Schwarz-Weiß-Fotografie von einem Gebäude
Der Anbau von Paolo Nestler auf der Gartenterrasse des Haus der Kunst.
Sigrid Neubert, Fotografie, 1972, Architekturmuseum der TUM

Auch im Haus der Kunst war der Platz allerdings beschränkt. Den Ostflügel belegte die jährlich stattfindende "Große Kunstausstellung". Im Westflügel waren noch immer die Bestände der Neuen Pinakothek zwischengelagert. Das OK beauftragte deshalb den auch für die Ausstellungsgestaltung zuständigen Architekten Paolo Nestler, die 180 Meter lange, rückseitige Terrasse zu überbauen. Die leichte, mit weißen Eternitplatten und Drahtglas verkleidete Konstruktion veränderte vorübergehend das monumentale neoklassizistische Erscheinungsbild des Hauses deutlich.

Fotografie eines roten Eingangs
Auch die Innenräume des Haus der Kunst wurden durch die Ausstellungsgestaltung teilweise komplett verkleidet.
Claus Hansmann (Foto), in: Dokumentation zur Ausstellung Weltkulturen und moderne Kunst, hg. v. Siegfried Wichmann, München 1972, Titelbild
Schwarz-Weiß-Fotografie von Ausstellungsräumen.
Innenansicht des temporären Anbaus von Paolo Nestler. "Der Spiegel" stellte fest: "Niemals zuvor wurde der Einfluß orientalischer, asiatischer und schwarzafrikanischer Kulturen auf die europäische Kunst […] so umfassend dokumentiert".
Sigrid Neubert, Fotografie, 1972, Architekturmuseum der TUM
Schwarz-Weiß-Fotografie eines japanischen Teehauses
In die Ausstellung wurde auch das Teehaus einbezogen, das 1972 unweit des Haus der Kunst im Englischen Garten errichtet worden war. Soshitsu Sen, Großmeister der Urasenke Teeschule aus Kyoto hatte es dem Freistaat Bayern anlässlich der Olympischen Spiele gestiftet. Für die Dauer der Ausstellung wurde hier viermal täglich eine Kurzform der Teezeremonie gezeigt.
Georg Schödl (Foto), in: Dokumentation zur Ausstellung Weltkulturen und moderne Kunst, hg. v. Siegfried Wichmann, München 1972, S. 76

"Musikalische Begegnungen"

Das Konzept der Ausstellung beschränkte sich nicht nur auf die bildende Kunst, sondern bezog die Musik mit ein. Der Rundgang beinhaltete drei Musikräume, die sich jeweils unmittelbar an einen größeren Themenbereich der bildenden Kunst anschlossen.

Außerdem wurde ein "Klangzentrum" eingerichtet, in dem die "universalistischen Strömungen in der gegenwärtigen Neuen Musik" aufgezeigt wurden und mehrere Live-Konzerte stattfanden. Hier präsentierten etwa Yehudi Menhuin und Ravi Shankar eine "Improvisation über indische Ragas".

Auch der zeitgenössische Komponist Mauricio Kagel erhielt in diesem Rahmen den Auftrag, ein passendes Musikstück zu schaffen: Er schrieb "Exotica für außereuropäische Instrumente". Das Werk feierte am 23. Juni 1972 unter Kagels Leitung im Haus der Kunst seine Uraufführung.

Ein Plakat in den Farben blau und grün.
Plakat zur "Exotica". Die Komposition von Mauricio Kagel wurde am 23. Juni 1972 in dem für die Ausstellung eingerichteten "Klangzentrum" im Haus der Kunst uraufgeführt.
Otl Aicher und Team, Plakat, 1972, Münchner Stadtmuseum/IOC

Die Komposition weist etliche Besonderheiten auf: Es spielen sechs Profis, allerdings auf einem ihnen fremden Instrumentarium. Außerdem müssen sie "exotisch" singen. Dies, sowie die collagenhafte, zufällige Anlage des Werks stehen für Kagels augenzwinkernden, ironischen, aber auch sehr unbefangenen Umgang mit dem "Fremden". In der Entstehungszeit – der Frühzeit des Postkolonialismus – führte diese Herangehensweise zu kontroversen Diskussionen darüber, was weißen Musikern erlaubt sei.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe Musiker, die Instrumente spielen aus der Vogelperspektive.
Unter der Leitung von Mauricio Kagel wirkten bei der Aufführung mit: Wilhelm Bruck, Christoph Caskel, Vinko Globokar, Siegfried Palm, Michel Portal und Theodor Ross. Jeder Musiker musste mindestens zehn ihm fremde Instrumente spielen und singen.
Felicitas Timpe, Fotografie, 1972, Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv/Felicitas Timpe

Auch das Münchner Stadtmuseum spielte eine wichtige Rolle: Gut 60 der über 200 beteiligten Instrumente wurden für die Einspielung der Schallplatte sowie für die Uraufführung aus der Sammlung Musik entliehen und während der Ausstellung im Haus der Kunst gezeigt.

Schwarz-Weiß-Fotografie von einem Mann
Der Komponist Mauricio Kagel im "Klangzentrum".
Felicitas Timpe, Fotografie, 1972, Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv/Felicitas Timpe