München 72

Bogenschießen im Englischen Garten

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Seit den Olympischen Spielen in München 1972 ist das Bogenschießen fester Bestandteil des offiziellen Programms. Davor war es zuletzt 1920 bei den Spielen in Antwerpen ausgetragen worden.

Zu den Besonderheiten der Sommerspiele in München zählte, dass die Wettkämpfe nicht nur in Stadien und Sportstätten stattfanden. Ganz bewusst wurden auch einzelne Sportdisziplinen an außergewöhnlichen Orten im öffentlichen Raum ausgetragen. Durch die Verlagerung der Wettbewerbe mitten in die Stadt sollte München für die Olympionik*innen näher erfahrbar werden.

Fotografie einer Frau die Bogen schießt.
Schützin auf der olympischen Bogenschießanlage im Englischen Garten 1972.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele, Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V., München 1974, S. 143
Fotografie einer Tribüne mit Publikum am Rand eines Sportplatzes
Blick auf die Zuschauertribüne am Südrand der Werneckwiese 1972.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele, Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V., München 1974, S. 145

Gezielt wurde der Englische Garten als Kulisse für das Bogenschießen ausgewählt. Er ist einer der größten, öffentlich zugänglichen englischen Landschaftsparks Europas und zählt zu den wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten. Nicht zuletzt versuchte sich München auf diese Weise vor einem internationalen Publikum als attraktive Stadt zu inszenieren.

Die Wettbewerbe auf der Werneckwiese im Englischen Garten fanden vom 7. bis 10. September 1972 statt. Sie vermittelten eher Freizeitcharakter als Wettkampfatmosphäre und ermöglichten es München, sich als Stadt mit hohem Freizeitwert und Erholungsfaktor darzustellen. Darüber hinaus unterstrich der Austragungsort eindrucksvoll den Slogan der "Spiele im Grünen".

Fotografie einer Gruppe Menschen, die auf einer grünen Wiese sitzen und essen.
Die Bogenschieß-Wettbewerbe im Englischen Garten 1972 unterstrichen den Slogan der "Spiele im Grünen" und vermittelten eher Freizeitcharakter als Wettkampfatmosphäre.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele, Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V., München 1974, S. 142

Die Bogenschießanlage auf der Werneckwiese

Die Bogenschießanlage befand sich südlich des Kleinhesseloher Sees auf der Werneckwiese im Südteil des Englischen Gartens. Es handelte sich um eine sogenannte provisorische Anlage, die nur für die Dauer der Olympischen Spiele errichtet und danach wieder vollständig abgebaut wurde. Heute wird die Grünfläche vor allem intensiv von Freizeitsportler*innen genutzt.

Wettbewerbe im Bogenschießen im Englischen Garten, 1972

Die Schießbahnen waren auf einer planierten und speziell für die Wettbewerbe vorbereiteten Fläche von rund 5.000 Quadratmetern angelegt. Sie verliefen von Süden nach Norden, um eine Blendung der Sportler*innen durch die Sonne weitgehend auszuschließen. Im Süden wurde die Anlage durch Zuschauertribünen, weitere Bauten und Zelte insbesondere für die Versorgung und Organisation abgeschlossen.

Fotografie von der Aussicht einer Tribüne in Richtung Bogenschießanlage.
Die Bogenschießanlage auf der Werneckwiese. Im Vordergrund die Zuschauertribünen am Südrand des Areals.
Sigrid Neubert, Fotografie, 1972, Architekturmuseum der TUM

An den Wettkämpfen im Bogenschießen nahmen insgesamt 55 Sportler und 40 Sportlerinnen teil. Die Goldmedaillen errangen mit John Williams und Doreen Wilber zwei US-amerikanische Olympionik*innen. Zuletzt traten 2021 bei den Olympischen Spielen in Tokio jeweils 64 Athlet*innen aus 40 Ländern gegeneinander an. Bei den Spielen in St. Louis 1904 war das Bogenschießen die einzige Disziplin, an der Frauen überhaupt teilnehmen durften.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Frau
Fotografie eines Mannes
Doreen Wilber (Bild oben) und John Williams (Bild unten) gewannen im Bogenschießen Einzel der Frauen und der Männer jeweils die Goldmedaille. Dabei stellten beide neue Weltrekorde auf.
Unbekannt, Fotografie, IMAGO/Horstmüller;
Unbekannt, Fotografie, 1972, Privatbesitz

"Spiele im Grünen"

Mit der Verlegung einzelner Wettbewerbe mitten in das Stadtgebiet hinein konnten die Olympischen Spiele 1972 auf besondere Weise mit München verbunden werden.

Dabei wurde der Englische Garten neben dem Bogenschießen auf der Werneckwiese auch für den Marathonlauf genutzt. Die Strecke führte die Läufer in einem Rundkurs aus dem Olympiastadion quer durch die ganze Stadt und verlief dabei auch durch den Schlosspark Nymphenburg und den Hirschgarten.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines laufenden Mannes, im Hintergrund stehen jubelnde Menschen.
Der US-Amerikaner Frank Shorter beim Marathonlauf am 10. September 1972 auf dem Königsplatz. Von insgesamt 74 gestarteten Athleten erreichten 62 das Ziel im Olympiastadion. Frank Shorter gewann mit einer Zeit von 2:12:19,8 Stunden die Goldmedaille.
Fritz Neuwirth, Fotografie, 1972, Fritz Neuwirth/Süddeutsche Zeitung Photo

Teile des Nymphenburger Parks und des Stadtgebiets wurden ebenfalls zum Austragungsort der Gehwettbewerbe. Überwiegend durch Wälder entlang der Isar und durch das südlich Münchens gelegene Grünwald verlief die Streckenführung des Straßenrennens im Radsport.

Fotografie einer Gruppe gehender Männer
Beim 20-Kilometer-Gehen am 31. August 1972 erzielte Peter Frenkel (3.v.r.) mit 1:26:42,4 Stunden die Goldmedaille für die DDR und stellte damit einen neuen olympischen Rekord auf.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Privatbesitz

Indem das Fernsehen die Wettbewerbe in der Stadt in alle Welt übertrug, konnte sich München der Weltöffentlichkeit gezielt als lebenswerte und kulturell interessante Stadt präsentieren. Auch heute noch profitiert München vom Image als "Stadt im Grünen" mit einer hohen Lebensqualität.

Wenig bekannt dagegen ist, dass die Kommune mit rund 72 Quadratmetern Grünfläche pro Person im internationalen Vergleich nur Platz 24 belegt. Unter den deutschen Millionenstädten landet München sogar nach Hamburg, Berlin und Köln auf dem letzten Platz.