München 72

Höfische Noblesse und Olympische Spiele

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Als Austragungsort für das Dressurreiten wählte das Olympische Komitee gezielt eines der größten und bedeutendsten Gartenkunstwerke Deutschlands: den Nymphenburger Schlosspark. Zusammen mit dem imposanten Barockschloss diente er als glanzvolle Kulisse für diese Sportdisziplin.

Fotografie eines Schlosses
Ansicht des Nymphenburger Schlosses mit den olympischen Fahnen im Vordergrund.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Privatbesitz

Eingerahmt vom großen Wasserkanal und dem Mittelbau des ehemaligen Schlosses der bayerischen Könige, bildete das Parterre des französischen Gartens den Wettkampfplatz. Das reiche kulturelle Erbe Münchens sollte damit zum Erlebnis für das Publikum und die Olympionik*innen gleichermaßen werden.

Fotografie eines Schlossparks mit Reitplatz.
Wettkampfplatz für das Dressurreiten auf dem Großen Parterre im Schlosspark 1972.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele. Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V. München 1974, S. 149
Fotografie einer Gruppe von Menschen die auf ein einer Treppe stehen
Siegerehrung im Dressur Einzel am 9. September 1972 vor der Kulisse des Nymphenburger Schlosses mit (v.l.n.r.) Jelena Petuschkowa (UdSSR), Liselott Linsenhoff (BRD) und Josef Neckermann (BRD).
Unbekannt, Fotografie, 1972, IMAGO/Pressefoto Baumann

Die Entscheidung, die Wettkämpfe im Schlosspark auszutragen, erscheint aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Die Bewahrung von Landschaftsdenkmalen vor Verfälschungen, Beschädigungen oder Zerstörungen hat oberste Priorität. Dieser Schutz verhinderte auch die zeitlich begrenzte Aufstellung der Informationsstele in der Nähe des damaligen Austragungsorts.

Seit den Olympischen Spielen von Stockholm 1912 ist der Reitsport fester Bestandteil des olympischen Programms. Dabei gliedern sich die Reitwettkämpfe in die drei Disziplinen Dressurreiten, Vielseitigkeitsreiten - früher als "Military" bezeichnet - und das Springreiten. Diese Einzelwettbewerbe waren während der Olympischen Sommerspiele in München 1972 auf unterschiedliche Sportstätten aufgeteilt.

Die Dressuranlage im Nymphenburger Schlosspark

Der 20 auf 60 Meter große Wettkampfplatz mit zwei Zuschauertribünen befand sich direkt östlich der Wasserfontäne auf dem Großen Parterre unmittelbar am Schloss Nymphenburg. Damit bildeten der große Wasserkanal und der Mittelbau des Barockschlosses den prachtvollen Rahmen für die olympischen Wettbewerbe im Dressurreiten 1972.

Fotografie eines Reitplatzes, im Hintergrund eine große Sitztribüne mit Menschen.
Wettkampfplatz auf dem Großen Parterre zwischen Wasserfontäne und Mittelbau von Schloss Nymphenburgs.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Deutsches Sport & Olympia Museum
Wettbewerbe im Dressurreiten im Nymphenburger Schlosspark, 1972

Die gesamte Sportstätte mit den südlich davon gelegenen Stallungen an der Zuccalistraße war als Provisorium angelegt. Nach den Olympischen Spielen wurden sämtliche Aufbauten und auch der eigens für die Pferde aufgeschüttete Bodenbelag aus Sand und Sägespan wieder vollständig entfernt.

Schwarz-Weiß-Fotografie von drei Bauarbeiter, die Gras auf ein Auto laden.
Im Zuge der Vorbereitungen für die Wettbewerbe im Dressurreiten wurde die Grasnarbe im Schlosspark vorübergehend teilweise entfernt.
Unbekannt, Fotografie, 1972, IMAGO/ZUMA/Keystone

Insgesamt 33 Reiter*innen aus 13 Ländern nahmen an den Wettbewerben im Dressurreiten teil. Die Goldmedaille im Einzel errang die westdeutsche Olympionikin Liselott Linsenhoff. In der Mannschaftswertung holten Jelena Petuschkowa, Iwan Kisimow und Iwan Kalita Gold für die Sowjetunion. Anders als bei anderen Sportarten gibt es beim Dressurreiten keine Trennung zwischen Frauen- und Männerwettbewerben. Frauen wurden erstmals 1952 in dieser Disziplin zugelassen.

Fotografie einer lächelnden Frau in Turnierreitbekleidung
Liselott Linsenhoff mit Goldmedaille bei der Siegerehrung im Dressur Einzel am 9. September 1972.
Sven Simon, Fotografie, 1972, Sven Simon/Süddeutsche Zeitung Photo

"Musterwohnungen für Pferde"

Weitere olympische Reitdisziplinen wie das Springreiten und Military wurden 1972 in München-Riem ausgetragen. Eigens dafür war die Olympia-Reitanlage mit Reithalle, Stadion und Außenareal auf dem Gelände des Münchner Rennvereins errichtet worden.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Reitplatzes aus der Sicht der Sitztribüne.
Eigens für die Olympischen Spiele wurde in München-Riem eine Reitanlage mit Reithalle, Stadion und Außenareal auf dem Gelände des Münchner Rennvereins errichtet.
Unbekannt, Fotografie, 1972, Stadtarchiv München (DE-1992-FS-ERG-P-0265)

Sie entstand auf dem erweiterten Grundstück einer ehemaligen SS-Hauptreitschule. Während der NS-Diktatur war der Rennverein unter seinem Präsidenten Christian Weber zu einem der reichsten Rennvereine Deutschlands aufgestiegen.

Die Auswahl dieses Orts spiegelt deutlich die zwiespältige Haltung des Olympiakomitees zur NS-Vergangenheit wider. Einerseits versuchten die Organisatoren, alle Örtlichkeiten die das NS-Regime propagandistisch missbraucht hatte, zu meiden. Andererseits spielte ebendiese Vergangenheit bei der Auswahl etlicher Veranstaltungsorte überhaupt keine Rolle.

Fotografie einer Tribüne mit Blumen dekoriert, im Hintergrund entzündet ein Mann eine Flamme.
Bei der Ankunft der olympischen Flamme in München am Abend des 25. August 1972 nahmen 20.000 Zuschauer*innen beim Empfang auf dem Königsplatz teil. Die Tatsache, dass die Nationalsozialisten diesen Platz für ihre Massenaufmärsche propagandistisch missbraucht hatten, spielte bei der Auswahl dieses Veranstaltungsorts keine Rolle.
Unbekannt, Fotografie, 1972, IMAGO/Pressefoto Baumann

Die auf dem Gelände nach modernsten Erkenntnissen neu errichteten Ställe vom Typ "Olympia" wurden als "Musterwohnungen für Pferde" angepriesen. Zur besseren Kontrolle der Pferde befanden sich direkt oberhalb der Boxen die Wohnungen der Tierpfleger*innen.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Gebäudes
Außenansicht der Ställe auf der Olympia-Reitanlage in München-Riem. Im ersten Obergeschoss direkt über den Pferdeboxen befanden sich die Wohnungen der Tierpfleger*innen.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele. Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V. München 1974, S. 151
Schwarz-Weiß-Fotografie eines Pferdes, angebunden in einer Stallgasse mit einem Pfleger
Innenansicht der Olympiaställe mit Blick auf Stallgasse und Pferdeboxen.
Karsten de Riese (Foto), in: Die Spiele. Bd. 2: Die Bauten, hg. v. Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972 e.V. München 1974, S. 151

Heute ist nur noch ein Teil der Olympia-Reitanlage erhalten. Aufgrund von Baumängeln musste die von einem Holzdach überspannte, 137 Meter lange Haupttribüne mit Richterturm 2008 vollständig abgerissen werden. In der Folgezeit wurde die Galopprennbahn zu einer Golfanlage umgebaut.