München 72

Ein Besuch mit Folgen

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Nach kurzfristiger Anmeldung besuchte Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), am 28. Oktober 1965 den damaligen Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel im Rathaus. Er fragte den überraschten OB, ob sich die Stadt für die Olympischen Sommerspiele 1972 bewerben wolle.

Vogel fielen sofort Gründe ein, die dagegensprachen. Die Stadt verfügte nicht über die entsprechenden Sportstätten. Auch lagen die Gräuel des Nationalsozialismus und Münchens Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung" erst wenige Jahrzehnte zurück.

Problematisch erschienen ihm zudem die regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – auch in sportpolitischen Fragen.

Erst kurz vor Daumes Besuch hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschlossen, die bisherige gesamtdeutsche Olympiamannschaft durch zwei getrennte Mannschaften zu ersetzen. "Würde in München die Hymne der DDR gespielt und ihre Flagge gezeigt werden können?" fragte sich Vogel. "Immerhin war ja die […] Nichtanerkennung der DDR die offizielle Politik der Bundesrepublik."

Dennoch war ihm rasch klar, dass die Stadt durch die Spiele "eigentlich nur gewinnen" konnte. Mehr noch: Der jungen BRD würde sich die Chance bieten, ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland zu präsentieren. Nach stadtinterner Absprache und der Zustimmung von Land und Bund, wurde die Münchner Bewerbung am 30. Dezember 1965 beim IOC eingereicht.

Schwarz-Weiß-Fotografie von zwei Männern die jeweils in einer Telefonzentrale telefonieren.
Vogel und Daume holten nicht nur die Olympischen Spiele 1972 nach München. Sie prägten auch maßgeblich ihre Gestaltung. Hier nehmen sie an der Eröffnung des Pressezentrums auf dem Olympiagelände teil.
Unbekannt, Fotografie, 1972, IMAGO/ZUMA Wire
Fotografie von zwei sitzenden Männern die Ihre Arme verschränken.
Hans-Jochen Vogel (links) über Willi Daume (rechts): "[Seine] Stärke waren sein Idealismus und seine Begeisterungsfähigkeit. […] Fragen der Verwaltung und der Fülle von Bestimmungen […], denen öffentliche Körperschaften unterworfen sind, stand er […] mit Distanz, manchmal sogar mit einer gewissen Fassungslosigkeit gegenüber. Gerade deshalb aber brachte er bisweilen Ergebnisse zustande, die ein Verwaltungsexperte für völlig undenkbar gehalten hätte."
Sven Simon, Fotografie, 1972, IMAGO/Sven Simon

"The Games are awarded to Munich"

Neben München bewarben sich auch die Städte Detroit, Madrid und Montreal um die Spiele. Die Entscheidung sollte im April 1966 in Rom fallen. Bis dahin galt es, bei den Mitgliedern des IOC-Komitees und der internationalen Sportpresse für München zu werben.

Die Bemühungen konzentrierten sich besonders auf die Mitglieder afrikanischer Staaten. Denn es war davon auszugehen, dass die Ostblockstaaten wohl gegen die westdeutsche Bewerbung stimmen und ebenso wie die südamerikanischen Länder vermutlich Madrid unterstützen würden. Wie die Historiker Kay Schilling und Christopher Young aufgezeigt haben, wurde verstärkt in die sportliche Entwicklungshilfe in Afrika investiert. "Auch wenn der Begriff zu kurz greift: Manche würden das vielleicht als Bestechung bezeichnen", so Young. 

Vor der Abstimmung des Komitees präsentierten sich die Bewerberstädte im Foro Italico. Die Münchner Ausstellung warb unter dem Titel "Olympische Spiele im Grünen". Im Zentrum: ein Modell des nur vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Oberwiesenfelds, wo die wichtigsten Sportstätten und das Olympische Dorf vorgesehen waren.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe Menschen. Ein Mann deutet auf ein Modell des Olympiapark München
Hans-Jochen Vogel bei der Präsentation der Münchner Bewerbung im Foro Italico in Rom.
Norbert Rzepka, Fotografie, 1966, Horstmüller GmbH

Die Aussicht auf "Spiele der kurzen Wege" erwies sich als einer der entscheidenden Pluspunkte. Hinzu kam die positiv bewertete Einbindung von Kunst und Kultur, die ganz im Sinne Pierre de Coubertins, des Begründers der Spiele der Neuzeit, war. Außerdem überzeugte die Ankündigung, dass der Gigantismus vorangegangener Spiele nicht fortgeführt, sondern "menschliche Spiele im überschaubaren Rahmen" geboten werden würden.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe Frauen die vor einem Stadtmodell stehen
Fünf Dolmetscherinnen betreuen die Münchner Ausstellungsfläche. Auf dem Modell des Oberwiesenfelds ist rechts neben dem Fernsehturm der später nicht realisierte Stadion-Entwurf von Rüdiger Henschker und Wilhelm Deiss zu sehen.
Norbert Rzepka, Fotografie, 1966, Horstmüller GmbH

Im zweiten Wahlgang erhielt München die absolute Mehrheit der Stimmen. IOC-Präsident Avery Brundage verkündete: "The Games are awarded to Munich."

 

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Brigitte Dohse war als Dolmetscherin 1966 in Rom bei der Präsentation der Münchner Bewerbung als Austragungsort der XX. Olympischen Spiele in München dabei. Hier berichtet sie über den Ablauf und den Zuschlag zur Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1972.
Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes, der aus einem Flugzeug steigt und von einer Menschenmenge umringt wird.
Nach der erfolgreichen Bewerbung in Rom landen Hans-Jochen Vogel und seine Delegation mit einer Sondermaschine in München-Riem. Vorne links steigt mit Vogel (3.v.l.) der Zweite Bürgermeister Georg Brauchle aus dem Flugzeug.
Unbekannt, Fotografie, 28.04.1966, UPI/Süddeutsche Zeitung Photo

Eine Münze rettet die Finanzierung

Vor der Abgabe der Bewerbung hatte die Stadtverwaltung die Kosten für die Spiele auf rund 500 Millionen D-Mark geschätzt. Die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung hatten zugesichert, jeweils ein Drittel der Gesamtkosten zu übernehmen.

Am Ende betrugen allein die Baukosten für München und Kiel, wo die Segelwettbewerbe stattfanden, etwa 1,4 Milliarden D-Mark. Hinzu kamen Veranstaltungskosten von über 500 Millionen D-Mark.

Zu dieser Entwicklung hatten steigende Baukosten beigetragen, aber auch Planungsänderungen, wie etwa das Ausschreiben eines städtebaulichen Ideen- und Bauwettbewerbs für das Oberwiesenfeld und damit das Abweichen vom Bewerbungsentwurf. Hinzu kamen zusätzliche Anforderungen. Beispielsweise der erst 1969 ins Programm aufgenommene Kanuslalom, der die Errichtung einer künstlichen Wildwasserstrecke in Augsburg erforderlich machte.

Die Kostenexplosion,
UFA-Dabei 1971

Dennoch erhöhte sich der Anteil, den die Stadt zu übernehmen hatte, gegenüber der ersten Schätzung von 1965 nicht. Dazu trug entscheidend die Herausgabe der "Olympia-Münzen" bei. Der Verkauf von knapp 100 Millionen 10-D-Mark-Stücken mit fünf verschiedenen Motiven brachte rund 700 Millionen D-Mark ein.

Daneben wurde über Lotterien, wie etwa die zur Finanzierung der Spiele ins Leben gerufene "GlücksSpirale" ein dreistelliger Millionenbetrag erzielt. Auch Einnahmen aus TV-Rechten, Ticketverkäufen und Spenden erbrachten über 350 Millionen D-Mark. Schließlich übernahm die Bundesregierung aufgrund der überregionalen Bedeutung der Spiele die Hälfte der verbleibenden Kosten.

Eine bronzefarbige Münze mit dem Motiv eines Adlers
Die von Doris Waschk-Balz gestaltete Olympia-Münze im Nennwert von 10 D-Mark.
Doris Waschk-Balz (Entwurf), Olympia-Münze zu 10 DM, 1972, Deutsche Bundesbank/Münchner Stadtmuseum, Foto: Ernst Jank

Eine bronzefarbige Münze mit dem Motiv eines Stadions
Bildseite der von Doris Waschk-Balz gestalteten Olympia-Münze mit dem Motiv der zeltartig überdachten Sportstätten. Insgesamt gab es sechs verschiedene Münzen.
Doris Waschk-Balz (Entwurf), Olympia-Münze zu 10 DM, 1972, Deutsche Bundesbank/Münchner Stadtmuseum, Foto: Ernst Jank

Schwarz-Weiß-Fotografie von zwei Männer, die einen Lottoschein der Glücksspirale präsentieren.
Zuständig für die GlücksSpirale: Hermann Reichart, stellvertretender Generalsekretär des Olympischen Komitees und Alexander Jauch, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern (v.l.n.r.).
In: Olympia in München, Offizielles Sonderheft der Olympiastadt München, hg. v. Hans Weitpert, München 1971, S. 36

"Die Olympia-Bettler"

Der "Verein zur Förderung der Olympischen Spiele 1972 in München e.V." ging aus einer bereits 1955 gegründeten Initiative für den Bau eines Fußball-Großstadions hervor. Nach der Vergabe der Olympischen Spiele nach München erweiterte er seinen Zweck auf die "ideelle und materielle Förderung der Spiele".

Hochrangige Unternehmer und Sportfunktionäre waren neben zahlreichen weiteren Mitgliedern aus Politik, Industrie, Wirtschaft und Prominenz Teil des Vereins. In enger Zusammenarbeit mit dem Organisationskomitee trug er Sach- und Geldspenden in dreistelliger Millionenhöhe für die Spiele zusammen.

Geldspenden wurden über die Organisation von Fernseh-Tombolas, Konzerten, Faschingsbällen oder den Verkauf einer Gymnastik-Schallplatte für Autofahrer akquiriert. Eine Sparschwein-Aktion, bei der 5.000 Sammelbüchsen medienwirksam an Tankstellen, Läden und Banken verteilt worden waren, förderte einen fünfstelligen Betrag.

Der Großteil der Zuwendungen wurde allerdings in Form von Sachspenden und Leihgaben geleistet. Sie umfassten sämtliche Versorgungsbereiche: von Büroausstattung und Computern über komplette Frisiersalons, Saunas, Autos, Gabelstapler und Rasenmäher bis hin zur Kleidung für die Hostessen und den Ordnungsdienst sowie umfangreiche Lebensmittelspenden und Drogerieartikel.

Bericht über München im Vorfeld der Olympischen Spiele,
Deutschlandspiegel 1970